Sind Christen die besser Menschen?


 Administrator    11 Sep : 18:48
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Diese Frage hatte uns zu seinem diesjährigem Besuch, Pfarrer Hermann Bednarek mitgebracht und beantwortete sie spontan mit einem „Nein“.

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Diese Frage hatte uns zu seinem diesjährigem Besuch, Pfarrer Hermann Bednarek mitgebracht und beantwortete sie spontan mit einem „Nein“. Damit wäre theoretisch unser Gruppenabend zu Ende gewesen, aber warum ein „Nein“, wenn man doch fest im Glauben zu Gott und seinem Sohn Jesus Christus verankert ist, wenn man sein Leben nach diesem Glauben ausrichtet, wenn man nach den Geboten lebt? Niemand ist perfekt, ist die einfache Antwort und schon Paulus hat gesagt „Der Mensch will Gutes, er kann es aber nicht.“ Pfarrer Hermann Bednarek untermauerte diese Aussage anhand zahlreicher Beispiele von bekannten Persönlichkeiten aus der Vergangenheit, die in ihrem christlichen Glauben Herausragendes geleistet haben, aber eben nicht perfekt waren, sondern „menschelten“. Auch heute, oder gerade heute, wird in fast allen Lebensbereichen der Anspruch an uns gestellt, perfekt zu sein. Wer hier nicht mithalten kann, oder will, ist schnell mit Vorurteilen behaftet. Aber, wie der Theologe Dietrich Bonhoeffer (1906 geboren, 1945 von den Nazis ermordet) einmal gesagt hat :

„Gott sucht sich nicht den vollkommensten Menschen, um sich mit ihm zu verbinden, sondern er nimmt menschliches Wesen an, wie es ist.“

Mit diesen wenigen Zeilen ist eigentlich alles gesagt. Der gläubige Christ ist nicht vollkommen, kann es nicht sein, denn er ist und bleibt ein Mensch. Daher ist selbst der noch so Gläubige kein besserer Mensch und sollte nicht auf Anders-, oder Nichtgläubige mit Hochmut hinab sehen. Er hat wie alle Menschen, seine Licht- und Schattenseiten. Das ist gut so, denn er ist ein von Gott geschaffenes Individuum und wird so von ihm angenommen. Er sollte aber auch nicht an sich zweifeln, sondern seinen Weg gehen. Dazu zitierte Pfarrer Hermann Bednarek zum Abschluss dieses sicherlich für uns alle sehr interessanten abends, der Impulse zum Nach- und Überdenken gab, ein Gedicht, das Dietrich Bonhoeffer während seiner Haft im KZ Flossenbürg schrieb:


Wer bin ich? Sie sagen mir oft,
ich träte aus meiner Zelle
gelassen und heiter und fest
Wie ein Gutsherr aus seinem Schloss.

Wer bin ich? Sie sagen mir oft,
ich spräche mit meinen Bewachern
frei und freundlich und klar,
als hätte ich zu gebieten.

Wer bin ich? Sie sagen mir auch,
ich trüge die Tage des Unglücks
gleichmütig, lächelnd und stolz,
wie einer der Siegen gewohnt ist.


Bin ich das wirklich, was andere von mir sagen? Oder bin ich nur, was ich selbst von mir weiß? Unruhig, sehnsüchtig, krank, wie ein Vogel im Käfig, ringend nach Lebensatem, als würgte mir einer die Kehle, hungernd nach Farben, nach Blumen, nach Vogelstimmen, dürstend nach guten Worten, nach menschlicher Nähe, zitternd vor Zorn über Willkür und kleinlichste Kränkung, umgetrieben vom Warten auf große Dinge, ohnmächtig bangend um Freunde in endloser Ferne, müde und leer zum Beten, zum Denken, zum Schaffen, matt und bereit, von allem Abschied zu nehmen?

Wer bin ich? Der oder jener? Bin ich denn heute dieser und morgen ein andrer? Bin ich beides zugleich? Vor Menschen ein Heuchler und vor mir selbst ein verächtlich wehleidiger Schwächling? Oder gleicht, was in mir noch ist, dem geschlagenen Heer, das in Unordnung weicht vor schon gewonnenem Sieg?

Wer bin ich? Einsames Fragen treibt mit mir Spott, Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott.

Gummersbach-Dieringhausen, im September 2016




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